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Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde!
Mit diesem Gottesdienst und der anschließenden Gemeinde-versammlung ist die Visitation unserer Gemeinden fast abgeschlossen. Wir haben Bilanz gezogen und den einen oder anderen Blick in die Zukunft unserer drei Gemeinden gewagt. "Ecclesia est semper reformanda", hat Martin Luther einmal gesagt, d.h. "die Kirche bedarf immer der Erneuerung". Es wäre schon viel, wenn wir heute diesem Gedanken unsere Aufmerksamkeit schenkten und dabei zu der Bereitschaft fänden, unser ganz persönliches Leben wie auch unser Leben in Kirche und Gesellschaft täglich zu erneuern. Wir sind immer wieder eingeladen, Gott zu vertrauen und Jesus ohne Furcht "vor den Menschen" zu bekennen.
Im Vorgriff auf den Gedenktag der Reformation möchte ich, liebe Gemeinde, heute einmal Martin Luthers Lied „Nun freut euch, lieben Christen g'mein“ zu uns reden lassen. Man könnte es eine Zusammenfassung Luthers nennen von dem, was er glaubt.
„Nun freut euch, lieben Christen g'mein, / und lasst uns fröhlich springen, / dass wir getrost und all in ein / mit Lust und Liebe singen.“
Freude, liebe Gemeinde, ist also der Ausgangspunkt. Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen. Religion entspringt nicht aus der Angst vor Gottes Zorn, wie es einige Philosophen (Sloterdijk) gerne hätten. Die Wurzel der Religion ist die Freude. Freilich kennt sie die Angst auch. Aber die kennt jeder Mensch, sei er religiös oder nicht.
Der Grund für die Lebensfreude ist Gottes Gabe an unser Menschenleben. Leicht wird uns ums Herz, wo uns die Liebe Gottes begegnet, wo wir seine „süße Wundertat“ an uns erleben. Da können wir eigentlich gar nicht ruhig in unseren Bänken sitzen bleiben, da müssten wir vor Freude hüpfen, meint Luther.
Wird das an uns deutlich, dass Christen Menschen sind, die zur Freude an Gottes Gaben eingeladen sind? Würde jemand von außen in unsere Kirchengemeinden kommen, der uns eine Zeitlang beobachtet, könnte der dann sagen: "Ich merke schon an ihren Gottesdiensten, an ihren Festen, an der Art, wie sie für die Gemeinde arbeiten, dass sie Menschen sind, die von Gottes Güte leben und zur Freude Gottes einladen"? Würde einer, der von außen kommt, das sagen?
Oder müsste er sagen: "Kirche ist nach dem, was ich da erlebt habe, wie eine Firma, in der der Erfolg und die Anzahl der Gottesdienstbesucher zählt, in der einer den anderen ständig antreiben muss. Und wo viel gejammert wird."? Würde so das Urteil eines Menschen lauten, der von außen kommt?
Diesen Fragen müssen wir uns stellen.
Auch Martin Luther trieben viele Fragen um, vor allem die eine: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ In unserer Zeit würden wir diese Frage vielleicht so formulieren: „Wo finde ich Sinn für mein Leben?“ oder: „Was könnte meine Zerrissenheiten heilmachen?“ Denn wir kennen das alle, liebe Gemeinde, dass unsere Lebensgeschichte eine Geschichte voller Widersprüche und voller Ringen ist. Wie erlebt Luther dies? Er würde hier sagen: "Du und ich, wir alle, unsere Herzen, unsere Seelen, unsere Gewissen, wie auch immer, wir sind der Schauplatz eines großen Kampfes."
So heißt es in der 2. bis 4. Strophe: „Teufel, Tod, Sünde, Angst, Hölle, Elend“ stehen auf der einen Seite; „Gutes, Leben, gute Werke, freier Wille“ auf der anderen Seite.
Wir hören hier Worte, die heute nicht mehr alle unmittelbar verständlich sind. Aber eigentlich genügt es, wenn wir verstehen, dass unser menschliches Leben immer wieder solchen Mächten gegenüber steht, gegen die wir nichts ausrichten können, mit dem besten Willen nicht und mit den besten Taten nicht.
Wer kennt das nicht, liebe Gemeinde? Zu erfahren, wie machtlos wir sind, egal was wir wollen und tun? Wir können dieses verzweifelte Ringen und Fragen auch erleben, wenn wir an Krankheiten, unschuldiges Sterben und öffentliche politische Lüge erkennen. Es genügt, was wir in der Zeitung lesen und in den Nachrichten hören und sehen.
Allerdings können wir da nicht sehen, was hinter unserem Leben und unserer Welt geschieht: dass nämlich Gott seine Hilfe einleitet, während wir noch mitten in unseren Erfahrungen von Ohnmacht stecken. Die Last des bedrückenden „Nein“ über unseren Lebenserfahrungen können wir nicht selbst abschütteln. Das muss ein anderer für uns tun. Beschlossen hat Gott es wohl längst, ehe wir überhaupt da waren, geschweige denn, von ihm wissen konnten.
Gottes Hilfsprogramm beginnt mit einem Gespräch unter vier Augen: „Er sprach zu seinem lieben Sohn“ Es ist ein Gespräch, von dem wir zunächst einmal nichts mitbekommen. Aber so fängt wohl jede nachhaltige Hilfe an: ganz im Verborgenen, wenn es nichts mehr zu hoffen gibt. So haben wir es wohl auch schon manchmal erfahren.
Singen wir nun aber zunächst vom Lied EG 341 die Strophen 5 - 7
Liebe Gemeinde, Gott der Vater spricht mit seinem Sohn Jesus Christus. Das alleinige Gesprächsthema ist unsere Rettung aus unseren Ohnmachtserfahrungen und wie es denn anzustellen ist, dass unser Leben ewigen Bestand hat, über den Tod hinaus. Das geht nicht so einfach, es geht nur auf einem sehr mühsamen Weg: über ein Leben, das mit Gottes Liebe identisch ist, über Leiden, Tod und Auferstehung.
Wir ahnen zuerst einmal nichts davon, liebe Gemeinde, dass für unsere Rettung schon alles vorbereitet ist. Der Vater spricht mit dem Sohn über unser Heil, und der verrät es uns. Denn wir hören Christi Wort in der 7. Strophe von Luthers Lied: "Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen." Wir vernehmen dieses Wort auch durch Menschen vermittelt. Aus jedem tröstenden Wort und jeder stillen Umarmung, aus jedem "Ich hab dich lieb" darf uns dieses Wort des Herrn durch-scheinen: "Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen. Denn ich bin dein und du bist mein."
Es wird uns aber auch gelegentlich wörtlich gesagt, etwa beim Zuspruch der Vergebung in der Beichte, oder in einer Predigt, oder wir vernehmen es beim Lesen und Meditieren eines Abschnitts aus der Bibel, etwa der Seligpreisungen aus der Bergpredigt.
Es bleibt uns eigentlich nichts anderes übri,g als daran zu glauben, darauf zu vertrauen, dass es so ist. "Halt dich an mich, es soll dir jetzt gelingen. Denn ich bin dein und du bist mein."
Was wir hier hören, liebe Gemeinde, ist nichts anderes als die Liebeserklärung Gottes an uns Menschen. Auf diese Sätze kommt es an. Sie sind der Höhepunkt dieses Liedes von Luther, der Wendepunkt, der ein neues Zeitalter in der Beziehung von Gott und Mensch einleitet. Es steht unter dem „Ja“ der Liebe Gottes, das unsere Bedrückung unter der Last des „Nein“ aufheben will.
Und jeder von uns, der diese Worte hört und sich sagen lässt, kann seinen Platz in der Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen entdecken. Und wir können selber Boten dieser Liebe sein: Als Pfarrer, als Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, als Gemeindeglieder unserer drei Kirchengemeinden, als Konfirmandinnen und Konfirmanden, als Christen in Deutschland und der Partnerdiözese in Indien können wir Boten sein. Denn, so heißt es im letzten Vers von Luthers Lied: „Was ich getan hab und gelehrt, / das sollst du tun und lehren, / damit das Reich Gotts werd gemehrt / zu Lob und seinen Ehren …“
Wir haben jetzt unsere Gemeindevisitation erlebt, nach Gruppen und Kreisen gefragt, den Aktivitäten in unserer Gemeinden, nach haupt-, ehren- und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, nach denjenigen, die der Kirche fern stehen. Vielleicht spüren wir ja hier und da, welch eine geistliche Kraft gerade auch von unseren Gottesdiensten ausgeht; oder von einer Taufe, einer Kirchenvorstandssitzung, einer Konfirmation, einer Beerdigung. Vielleicht gelingt es ja hier und da, dass jeder Einzelne unserer Gemeinden jemand sein kann, der durch seinen Glauben einem bedrängten Menschen zu einem Seelsorger wird.
Wir sollen ja Boten sein, die Gottes Liebeserklärung an uns weitersagen, ein Lied von ihr singen. Ein Lied, dem man die Freude eines erleichterten Herzens abspürt und das darum zum Mitsingen einlädt. Auf dass wir, und die anderen mit uns, „mit Lust und Liebe singen“.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen
Und singen wir vom Lied EG 341 noch die Strophen 8 – 10
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